Optimierung unter Unsicherheit – soweit der Titel des Workshops, den ich diese Woche in Saarbrücken besucht habe. Fünf Tage haben wir uns mit Fragen zur Spieltheorie, Approximationsalgorithmen oder Schedulingproblemen (etwa: Warteschlangenprobleme) beschäftigt. Das ist zwar weit weg von meinem Promotionsthema, aber ein Blick über den Tellerrand kann auch sehr spannend sein. Und wenn man den anderen Teilnehmern glauben will, waren unsere drei Referenten die Crème de la Crème des jeweiligen Gebietes. Die Vorträge waren auf jeden Fall exzellent.

Yossi Azar trägt über Scheduling-Strategien vor

In einer Vortragspause
Wir hatten natürlich nicht nur Vorträge, jeder Tag bestand aus zwei Blöcke mit jeweils einem Vortrag und zwei Stunden Übungsaufgaben. Die Übungsaufgaben hatten es wirklich in sich, und obwohl wir in Gruppen gearbeitet haben, blieben ettliche Probleme ungelöst. Da ich völlig neu auf dem Gebiet war, habe ich versucht, wenigstens die wesentlichen Ideen zu verstehen. Ich will versuchen, hier ein kleines Beispiel zu erklären:
Das Problem stammt aus der Spieltheorie. Hier interpretiert man “Optimierung unter Unsicherheit” am besten so: Wir wissen zwar nicht, was passieren wird, aber wir sind darauf vorbereitet! Interessant dabei ist, dass diese Vorbereitung zu recht unterschiedlichen Ergebnissen führen kann abhängig davon, wie sie geschieht. Konkret:
Die Ort A-Stadt und B-Hausen seien mit zwei Straßen verbunden, eine sechsspurige Autobahn und eine zweispurige Landstraße. Die Autobahn ist dabei deutlich länger als die Landstraße, hat aber den Vorteil, dass hier nie mit Stau zu rechnen ist. Die Landstraße hingegen führt sehr schnell von A nach B, wenn wenig Verkehr ist. Mathematisch könnte das so aussehen:

Dabei geben die beiden Funktionen die Fahrdauer auf der jeweiligen Strecke in Abhängigkeit von dem Anteil am Verkehrsaufkommen an. Benutzt z.B. die Hälfte aller Fahrzeuge Route 2, so beträgt die Fahrzeit dort gerade 0,5.
Nun stellen sich zwei Fragen:
- Was muss jeder einzelne Fahrer tun, um möglichst schnell von A nach B zu gelangen?
- Wie muss das Verkehrsaufkommen verteilt werden, um eine möglichst kurze durchschnittliche Fahrdauer zu erreichen?
Interessanter Weise haben die beiden Fragen unterschiedliche Antworten. Wenn also jeder Fahrer seinen eigenen Nutzen optimiert (Frage a), so kommt kein optimales Ergebnis im Sinne von Frage b) heraus. Dieses Phänomen nennt sich der Preis der Anarchie.
Frage a) führt auf ein so genanntes Nash-Gleichgewicht (benannt nach John Forbes Nash Jr., der dafür einen Nobelpreis erhielt, siehe auch: A beautiful mind). Unter einem Nash-Gleichgewicht kann man sich eine Situation vorstellen, in der jeder Spieler auf seiner Strategie beharrt, weil diese in der aktuellen Situation für ihn optimal ist. In Frage a) wäre ein solches Gleichgewicht erreicht, wenn alle Fahrer die Route 2 wählen. Dann braucht jeder Fahrer die Zeit 1, wäre aber auf der anderen Strecke auch nicht schneller.
Im Gegensatz dazu sieht die Antwort auf Frage b) so aus: die Hälfte aller Fahrer nimmt Route 1, die andere Hälfte Route 2. Damit ist die durchschnittlich benötigte Fahrzeit gerade drei Viertel. Dies ist deutlich besser als die durchschnittliche Fahrzeit aus Frage a)! Der Preis der Anarchie ist nun gerade als Quotien aus dem Wert des schlechtesten Nash-Gewichts und dem der besten globalen Lösung definiert, liegt hier also bei 4/3. Wenn man so sagen will, ist das der Preis für egoistisches Verhalten.
Mathematisch interessant ist nun, dass sich beweisen lässt, dass für kontinuierliche Spiele (wie unser Beispiel eines ist), der Preis der Anarchie höchstens 4/3 ist, und dass alle Beispiele, die diesen Wert erreichen, so aussehen, wie unser Beispiel. Nicht schlecht, oder?

Unsere anderen beiden Dozenten: Tim Roughgarden und David B. Shmoys
ps. Ein weiteres Interessantes Detail, das ich gelernt habe: Der Auktionsmodus, der z.B. bei Ebay zum Einsatz kommt, heißt Vickrey Auktion oder Zweitpreisauktion. Ein Herrn Vickrey hat bewiesen, dass für diese Art von Auktion für jeden Bieter eine optimale Strategie darin besteht, den Preis zu bieten, den er ausgeben will. Das ist nicht selbstverständlich: Herr Vickrey bekam dafür ebenfalls einen Nobelpreis.
Weitere Bilder