Unsere ersten drei Tage in der Metropole am Bosporus sind alles andere als touristisch: KAS Türkei, Orientinstitut, AFS (ein Schüleraustausch-Dienst), die deutsch-türkische Handelskammer, die Jugendorganisation der AKP und eine Konferenz an der Boğaziçi Universität stehen auf dem Programm. Diese Kontakte verdanken wir Sebastian, der im Zivildienst ein Jahr in Istanbul war, und die ganze Reise für uns organisiert hat.
An diesen drei Tagen lernen wir mehr über Land und Leute, als so mancher Tourist in einem Monat. Die eigentliche Überraschung ist wohl, dass Istanbul gar nicht exotisch ist. Damit meine ich, dass ich oft gedacht habe “Wie daheim!”. Die Stadt auf den zwei Kontinenten hat zwar eine ganz andere Geschichte, als z.B. Berlin oder Madrid, aber das Leben heute scheint genauso modern und westlich wie in jeder anderen europäischen Großstadt. Es scheint vielmehr so zu sein, dass Türken in Istanbul progressiver und liberaler sind als in Türken in Deutschland. Wobei das Bild in Deutschland sicher insofern täuscht, dass viele türkischstämmige Mitbürger so gut integriert sind, dass sie gar nicht mehr als Türken wahrgenommen werden. Die Erfahrung dieser Tage hat mich jedenfalls veranlasst, meine Meinung zum EU-Beitritt der Türkei nochmals zu überdenken.

Das ist übrigens ein heikler Punkt, wie ich in der Industrie- und Handelskammer lernen musste. Die Dame, die uns hier empfing, war eine stolze Türkin anfang 50, die fließend Deutsch sprach und nach unseren Maßstäben wohl eine Karrierefrau war. Ich wollte eigentlich nur ihre Einschätzung zu den wirtschaftlichen Folgen eines EU-Beitritts für die türkische Wirtschaft hören, habe allerdings wohl durch die Formulierung meiner Frage nahegelegt, dass die türkische und die europäische Kultur nicht die gleiche seien. War natürlich nicht so gemeint, ich könnte ja selbst nicht sagen, was europäische Kultur ist. Das Kind war aber schon in den Brunnen gefallen. Es folgte ein Vortrag, wie wenig die Türkei den EU-Beitritt brauche und wie arrogant es wäre, mit solchen Vorwänden die Aufnahme hinauszuzögern. Schwierig. Angela Merkel ist hier wohl nicht so beliebt wie ihr Vorgänger.

Wesentlich ungezwungener war der Umgang mit den Studenten, die wir bei der Konferenz The Meaning of Europe and Challenges of the Economic Crisis kennen gelernt haben. Hier ist Merkel zwar ähnlich unbeliebt, aber ansonsten mag man Deutschland, war auch schon da, und hat auch schon in der Schule und am Goethe-Institut Deutsch gelernt. Respekt! Interessant ist übrigens auch, dass es offiziell verboten ist, in der Universität Kopftuch zu tragen. So wie generell nur wenige Frauen Kopftuch tragen, was dann auch von Türken als befremdlich empfunden wird.
Ab morgen folgt die Besichtigungstour. Wir können ja schlecht in Istanbul gewesen sein, ohne die Hagia Sophia und den Topkapi-Palast gesehen zu haben. Zuvor lassen wir den Abend bei einer Wasserpfeife und Apfeltee gemütlich ausklingen.
