Mein zweiter Touri-Tag fängt mit einem Höhepunkt an. In diesem Fall ist das der Corcovado, ein 710 Meter hoher Felsen, auf dem die berühmte Christus-Statue steht. Den Weg dorthin bringe ich mit einem Kleinbustaxi hinter mich. Der Fahrer fährt gemäß dem Motto, das auf dem Handschuhfach klebt: deus proteja esta van – Gott schütze diesen Van. Immerhin sind wir schnell oben. Leider ist es ziemlich diesig und so direkt alleine ist man hier auch nicht. Aber das hatte ich auch nicht erwartet, schließlich der 38-Meter-Heiland neben dem Zuckerhut wohl das Wahrzeichen von Rio. Cristo ist übrigens begehbar, und im Inneren gibt es eine Kapelle, in der gerade eine Taufe stattfindet. Ich flüchte vor den Touristenhorden und begebe mich auf eine dreistündige Wanderung in den atlantischen Regenwald. Obwohl man von hier auf eine Millionenmetropole hinabblickt, erstreckt sich nämlich ein Nationalpark über die Hügelkette, die angeblich unberührten Regenwald beherbergt. Die Tour lohnt sich nicht nur wegen des beeindruckenden Blicks entlang der Küste und zurück zu Cristo, sondern auch weil man hier weitgehend alleine ist und die Natur ungestört genießen kann.
Am Nachmittag geht es in Jardim Botânico, den Botanischen Garten von Rio. Hier gibt es hauptsächlich eine Sorte von Pflanzen: Bäume. Diese dafür in hunderten Varianten und beeindruckenden Größen. Bevor jetzt wieder jemand lästert: Ja, ich weiß, dass Palmen und Bäume nicht das gleiche sind. Während die Deutschen Linden und die Italiener Platanen pflanzen, scheint hier die Wahl klimabedingt auf Palmen zu fallen. Die machen dummerweise so gut wie keinen Schatten. Andererseits bin ich dankbar für die einzigen echten Sonnentage, die ich dieses Jahr in Brasilien erlebt habe.
Zum Sonnenuntergang geht es an den Strand. Und nicht an irgend einen Strand, sondern an den Ipanema Beach, neben der Copacabana wohl der bekannteste Strand von Südamerika. Leider scheint dieses Stück Badeparadies nicht wegen seiner Ästhetik berühmt zu sein. Wobei der Atlantik tatsächlich schöne Wellen und der Sand warm und weich ist. Man hätte halt keine vierspurige Straße und die ganzen Hochhäuser draufbauen müssen. Dann wären auch nicht der letzte Quadratmeter mit Sonnenstuhl und Badetuch zugestellt. Wobei ich an dieser Stelle bestätigen muss, dass die Brasilianer (und auch die Brasilianerinnen) einfach schöne Menschen sind. Bei ersteren hatte ich allerdings keine repräsentative Stichprobe. Jedenfalls nicht, wenn die vielfarbigen Fahnen auf dem Strandabschnitt das gleiche bedeuten wie in Europa…
An dieser Stelle wird es Zeit, Marci und Chucks vorzustellen. Die beiden sind die Herbergseltern von Cafe Rio Hostel, wo ich die Tage gewohnt habe. Sehr nette Leute, die sich gerne mit ihren Gästen unterhalten und immer hilfsbereit sind. Da ich momentan neben einer Australierin der einzige Gast bin, bilden wir so etwas wie eine temporäre Familie. An meinem letzten Abend in Rio gehen wir vier auf ein Samba-Konzert in einen Club in Lapa, dem Ausgeh- und Partyviertel der Stadt. Es spielen zwei Bands und wir kommen erst gegen drei nach Hause. Zu dieser Zeit ist in Lappa auf den Straßen noch mehr los als in der Kaufinger Straße am Samstag um zwölf. Aber ich muss morgens um acht Uhr raus, weil es zurück nach Sao Paulo geht.