Mrz
21
2010
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Begegnungen

Am Samstag bin ich umgezogen. Das war so geplant, weil seit gestern Julias Eltern in Sao Paulo sind. Ich wohne jetzt bei Dona Vitoria, einer freundlichen Lady, die Zimmer in ihrer Wohnung vermietet. Dona Vitoria gibt eine prima italienische Mamma ab. Obwohl mir nicht ganz klar ist, woher sie letztendlich kommt. Anscheinend hat sie Vorfahren in einer ganzen Reihe von europäischen Ländern. Jetzt lebt sie jedenfalls hier, bäckt gutes Brot und beherbergt vagabundierende Mathematiker. Sie kocht für mich die ganze Palette brasilianischer Köstlichkeiten und sorgt sich auch ansonsten in jeder Hinsicht um mein Wohl. In den verbleibenden Tagen wird es mir voraussichtlich an nichts mangeln.

Maracuja Papaya Kaki

Ich bin froh, dass ich schon zwei Wochen Brasilienerfahrung sammeln konnte, bevor ich jetzt alleine auf das Land losgelassen werde. Es sind schließlich nicht alle Einheimischen von der korrekten Sorte. Das habe ich heute am Markt erfahren. Zum ersten Mal alleine Obst kaufen, und schon wird man über den Bananenstand gezogen. Versucht hätten sie es jedenfalls. Wenn man portugiesische Zahlen nur schnell genug ausspricht, versteht natürlich kein Tourist was – das ist jedem Obsthändler, der sein Geschäft versteht, klar. Deshalb hieß es plötzlich, ich sollte für eine Melone, eine Ananas, zwei Papaja, vier Mango und ein paar Kaki 39 Reais zahlen. Der Preis wäre ja in Deutschland ganz in Ordnung, aber nicht hier! Dummerweise hatte mein dreister Obstfeilscher schon meinen 50er in der Hand. Und erklär’ mal jemandem, der dich nicht verstehen will, dass er dein Geld wieder rausrücken soll, wenn es nicht augenblicklich billiger wird. Was mein fehlendes Portugiesisch nicht konnte, haben vielleicht die 40 cm Größenunterschied bewirkt. Letztendlich bin ich mit stolz geschwellter Brust und dem Obst für 23 Reais von dannen gezogen. Altes Schlitzohr, nicht mit mir!

Sonntag ist immer Sightseeing-Tag. Deshalb waren wir heute im Ibirapuera Park – dem größten Park der Stadt. Mit seinem großen See und der umgebenden Skyline sieht es hier fast wie im Central Park in Manhatten aus. Oder so, wie ich mir vorstelle, dass es im Central Park in Manhatten aussehen könnte. In diesem Park gibt es einige sehr eigenwillige Architektur, die von dem wohl bekanntesten zeitgenössischen Architekten des Landes Oscar Niemeyer entworfen wurde. Moderne brasilianische Architektur sieht also folgendermaßen aus:
Das Auditorio Ibirapuera

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Mrz
18
2010
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Copa Libertadores

Manchmal muss man weit fahren, um endlich das zu tun, was man daheim schon lange vorhatte. Mein erstes Rockkonzert in St. Petersburg fällt in die Kategorie. Da ist man schon ein totaler Langweiler und lebt an der Jugendkultur der eigenen Zeit völlig vorbei, nur um sie dann auf einem Uniseminar zu entdecken. So läuft das. Heute war ich – ebenfalls zum ersten Mal in meinem Leben – bei einem Fußballspiel. So richtig mit Stadium und 30.000 Leuten. Fußball ist ja brasilianische Leitkultur. Und wenn man in einem Land ist, in dem das erste gesprochene Wort eines Kleinkindes nicht “Mama” sondern der Name der väterlichen Fußballmannschaft ist, kann man sich dem Phänomen nicht entziehen.

Die Jungs von der Uni haben mich also zu einem Spiel von SPFC in der Copa Libertadores, der Championsleague von Südamerika, mitgenommen. Um es gleich zu sagen: Die Stimmung war bestens, auch weil die Gastgeber haushoher Favorit waren und 3:0 gewonnen haben. Ohne viel Ahnung von Männern, die nach Bällen treten, zu haben, attestiere ich dem brasilianischen Fußball eine Eleganz, die man aus Deutschland nicht kennt. Hier wird gedribbelt, blind nach hinten durchgepasst und auch im gegnerischen Strafraum noch eine dreizügige Kombination gespielt, ohne gleich den Ball in Richtung Tor zu dreschen.

Die Fans sind natürlich voll dabei, die ganzen 90 Minuten sitzt niemand auf seinem Platz, alles schreit, schimpft und jubelt mit. Und dank meinem besonders enthusiastischem Nebenmann (der nicht zu uns gehört hat), habe ich jetzt wahrscheinlich alle Schimpfwörter, die das moderne Portugiesisch bietet, schon mindestens ein Mal gehört…


Das Stadium von São Paulo Futebole Clube

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Mrz
16
2010
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Konstruktive Friedensverhandlungen

Der Economist hatte neulich einen sehr treffenden Cartoon zu der Show, die gerade im Nahen Osten geboten wird:

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Mrz
14
2010
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The brazilian way

Wer Südeuropa bereist hat, wird festgestellt haben, dass Konzepte wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit oder Geschwindigkeit mit steigender Durchschnittstemperatur immer weniger bekannt sind. Nun ist Brasilien ja nochmal ein ganzes Stück südlicher als Sizilien, man sollte sich also auf einiges gefasst machen. Aber hej, die Sonne scheint, wir haben keine fixen Termine, warum sollten wir uns Stress machen? Das könnte das Lebensmotto der Brasilianer sein. Immer freundlich, immer geduldig, scheinbar nie in Eile. Busse haben keine Fahrpläne, sondern kommen irgendwann vorbei, halten dann auch nur, wenn man wild gestikuliert, oder wenn gerade jemand aussteigen will. Außen steht die Richtung der Route angeschrieben, aber wie der Bus jetzt genau fährt – wen interessierts? Dabei ist es eh ein Wunder, dass man Bus fahren kann, wo doch praktisch auf allen Straßen permanent Stau ist.

Gestern Abend waren wir im Kino: Soul Kitchen von Fatih Akin, der hier im Original mit portugiesischen Untertiteln gezeigt wird. Nach ca. einer Stunde bricht der Film ab. Ein paar Verzweifelte Versuche später – der Film läuft jeweils ab der ersten Szene – teilt uns das Kinopersonal mit, dass die Vorstellung leider beendet werden muss. Wir bekommen stattdessen freien Eintritt für unseren nächsten Kinobesuch. Für Julia ist das bereits der zweite Film in Folge, der so endet. Wir sind gespannt.

Heute dann: Das erste Gewitter seit einer Woche, plötzlich ist der Strom weg. Insgesamt wird es fast drei Stunden dauern, bis wir wieder Licht haben. Praktischer Weise funktioniert ein Gasherd auch völlig ohne Elekritzität. Wir lesen einstweilen in Julias Stromrechnung, die ausweist, wie lange und wie oft kein Strom verfügbar war. Nach Vertragsbedingungen darf nämlich 3,11 Mal im Monat der Strom ausfallen für zusammen maximal 4,71 Stunden, wobei kein Ausfall länger als 2,60 Stunden dauern darf. Andernfalls gibt es eine Entschädigung. In Deutschland war mein netter Mitbewohner schon nach 3 Minuten vor der Tür gestanden, wenn im Wohnheim mal das DSL nicht funktioniert hat. Die Deutschen sind eben anders…

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Mrz
14
2010
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Me gusta la vida

Gut, das war jetzt nicht Portugiesisch. Aber habe ich schon erwähnt, wie schmackhaft das Leben hier ist? Das liegt natürlich auch daran, dass Julia eine Zeremonienmeisterin für Essen und insbesondere auch Tee oder Kaffee ist. Vielleicht liegt das daran, dass sie aus all den Ländern, in denen sie schon war, jeweils die besten Rezepte übernommen hat. So bin ich in der letzten Woche z.B. in den Genuss von Misosuppe, Mandioca-Gemüse oder einem grünen Salat mit Mango und Chili gekommen. Letzteres war natürlich selbst angebaut, wie auch Basilikum, Rosmarin und Pfefferminze, das in Töpfen auf dem Fensterbrett wächst. Letztere wandern dann manchmal mit einer Scheibe Ingwer in besagten Zeremonientee. Die reinste Slow-Food-Bewegung ist das hier.

Ein gediegenes Sonntagsfrühstück kann schon mal zwei Stunden dauern – spontane Bibellektüre inbegriffen.

Written by Andi in: Sao Paulo | Schlagwörter: ,

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